Denkmodell

Psychographie

Wie verstehen und ergänzen sich Menschen in der Zusammenarbeit

 

In unserer Arbeit greifen wir immer wieder auf eine kleine Zahl von Denkmodellen zurück. Sie ersetzen keine Analyse und keine Strategie. Sie schaffen eine gemeinsame Sprache, mit der sich Lage, Wirkung, strategischer Druck und Handlungsfähigkeit präzise besprechen lassen.

Zusammenarbeit

Warum drei Menschen dieselbe Sitzung völlig unterschiedlich erleben

Nach einer Sitzung sagt die erste Person: «Die Stimmung war angespannt.»
Die zweite sagt: «Die Zahlen waren nicht sauber hergeleitet.»
Die dritte sagt: «Wir haben schon wieder nichts entschieden.»

Alle drei sassen im selben Raum. Alle drei haben recht. Sie haben nur auf verschiedene Dinge geachtet. Genau das beschreibt die Psychographie. Sie zeigt, worauf ein Mensch fast automatisch achtet und was er dabei fast automatisch übersieht.

Die Grundidee in drei Sätzen

Jeder Mensch kann fühlen, denken und handeln. Aber niemand ist in allen drei Bereichen gleich geübt. Früh im Leben entwickelt jeder Mensch eine Vorliebe für einen davon, und dieser Bereich wird zur Stärke.

Die Stärke läuft schnell, sicher und ohne Anstrengung. Die beiden anderen Bereiche bleiben schwächer ausgebaut. Sie verschwinden nicht, sie brauchen einfach mehr bewusste Aufmerksamkeit.

Daraus ergeben sich drei Grundmuster.

Die drei Muster

Der Beziehungstyp fühlt zuerst
Er spürt sofort, wie die Stimmung im Raum ist. Er merkt, wenn jemand nicht mehr mitgeht, oft noch bevor es ausgesprochen wird. Er lebt stark im Moment.
Schwerer fällt der nüchterne Abstand. Also das Prüfen von Fakten und ein Urteil, das unabhängig von den beteiligten Personen zustande kommt.

Der Sachtyp denkt zuerst
Er will verstehen, bevor er sich bewegt. Er ordnet, vergleicht, sucht den Fehler in der Herleitung und lernt aus dem, was schon einmal passiert ist. Er blickt eher zurück.
Schwerer fällt das Entscheiden. Also der Schritt ins Handeln, solange noch nicht alles geklärt ist.

Der Handlungstyp macht zuerst
Er bringt Dinge zum Laufen, übernimmt Verantwortung und hält, was er zusagt. Er blickt nach vorn.
Schwerer fällt das Innehalten. Also das Wahrnehmen von Stimmungen und das Zulassen von Spontaneität und Leichtigkeit.

Wo die Stärke sitzt, sitzt auch die Unsicherheit

 

Das klingt widersprüchlich, ist aber im Alltag gut zu beobachten.

Wer sich über die Beziehung definiert, den trifft Ablehnung härter als andere.
Wer sich über das Denken definiert, den trifft ein sachlicher Fehler härter als andere.
Wer sich über das Handeln definiert, den trifft ein gescheitertes Vorhaben härter als andere.

Man ist dort am empfindlichsten, wo man am meisten investiert hat.

Jedes Muster bringt Fähigkeiten mit, die den anderen fehlen. Und jedes hat eine blinde Stelle, die die anderen abdecken. Kein Muster ist besser als die anderen. Entwicklung heisst, auch auf die beiden anderen Bereiche zugreifen zu können, wenn die Situation es verlangt.

Die drei Fallen unter Druck

Neben den drei Mustern beschreibt das Modell drei Fallen. In sie geraten Menschen, wenn es ihnen schlecht geht. Jeder Typ kann in jede der drei Fallen geraten.

Die Abhängigkeits-Falle
Die eigene Stimmung hängt davon ab, was andere sagen oder was gerade geschieht. Ein gutes Feedback macht den Tag, ein knapper Satz zerstört ihn.

Die Sorgen-Falle
Man beschäftigt sich unablässig damit, was bei anderen schieflaufen könnte, und übernimmt ungefragt deren Aufgaben.

Die Selbstzweifel-Falle
Man stellt das eigene Urteil grundsätzlich in Frage, auch wenn es keinen Anlass dazu gibt.

Der Nutzen liegt im Wiedererkennen. Wer merkt, dass er in seiner Falle sitzt, kann anders reagieren.

Herkunft

Die Psychographie stammt von Dietmar Friedmann, einem deutschen Psychotherapeuten. Der Begriff verbindet Psychologie und Geographie und meint eine Karte der Persönlichkeit. Die Grundlage bildet die Transaktionsanalyse von Eric Berne. Die Weiterentwicklung heisst ILP (Integrierte Lösungsorientierte Psychologie).

Wir ordnen das offen ein. Das Modell kommt aus der therapeutischen Praxis und nicht aus der akademischen Forschung. Wissenschaftliche Studien zur Zuverlässigkeit, wie sie für andere Persönlichkeitsmodelle vorliegen, gibt es nicht.

Für uns ist die Psychographie deshalb eine gemeinsame Sprache und ein Denkwerkzeug. Sie ist kein Test, kein Messinstrument und keine Diagnose. Jede Zuordnung bleibt eine Annahme, die sich in der Zusammenarbeit bewährt oder eben nicht.

Das Modell dient der Selbstreflexion. Wer sich besser versteht, kann wirkungsvoller und gelassener kommunizieren, führen und handeln.

Drei Schritte in jedem Vorhaben

Die drei Bereiche stehen auch für Arbeitsschritte.
Jede Aufgabe, jedes Projekt und jede Problemlösung durchläuft dieselbe Reihenfolge:

Erster Schritt: Kontakt herstellen
Wer ist beteiligt, was beschäftigt diese Menschen, wie ist die Lage gerade wirklich.

Zweiter Schritt: verstehen
Was ist die Ursache, was haben wir daraus schon gelernt, was folgt daraus.

Dritter Schritt, handeln
Entscheiden, umsetzen, Verantwortung übernehmen.

Wer den ersten Schritt überspringt, plant an den Menschen vorbei.
Wer den zweiten überspringt, arbeitet unstrukturiert.
Wer den dritten meidet, analysiert endlos.

Diese Reihenfolge gilt für alle. Der Unterschied liegt nur darin, welcher Schritt einem leichtfällt und welcher bewusste Anstrengung kostet.

Die Darstellung als Prozessfolge ist unsere Anwendung, und nicht Friedmanns Formulierung. Sie stützt sich auf zwei Aussagen des Modells:

Erstens sind die drei Ich-Bereiche psychische Organe, über die jeder Mensch verfügt, unabhängig vom Typ.
Zweitens ordnet Friedmann dem Fühlen die Gegenwart zu, dem Denken die Vergangenheit und dem Handeln die Zukunft.

Der Ablauf folgt dieser Zeitachse. Verwandte Zyklusmodelle wie der Lernzyklus von David Kolb oder der PDCA-Zyklus stützen die Abfolge unabhängig, gehören aber zu einer eigenen Traditionslinie.

WAS WIR DARAUS MITNEHMEN

Wir prüfen die Reihenfolge. In Projekten fragen wir, welcher der drei Schritte regelmässig übersprungen wird. Das erklärt erstaunlich viele Reibungsverluste.

Wir üben das Übersetzen. Wer präsentiert oder führt, spricht automatisch in der eigenen Sprache. Der Sachtyp bringt Zahlen und Fakten, der Beziehungstyp bringt Stimmung und Geschichten, der Handlungstyp bringt den nächsten Schritt und Handlungsanweisungen. Damit werden jeweils rund einen Drittel des Publikums erreicht.
Wer alle drei "Sprachen" bedient, erreicht alle. Das ist erlernbar und wir üben es in Workshops konkret.

Wir schauen auf die Mischung im Team. Teams, in denen alle drei Muster vertreten sind, arbeiten nach unserer Erfahrung besser zusammen. Wir arbeiten mit dem bestehenden Team an dessen blinden Stellen und leiten daraus ein Anforderungsprofil ab, das sich am Verhalten orientiert und nicht an Titeln.

Vier Fragen, mit denen wir arbeiten

In welcher Sprache sprechen wir, und wen erreichen wir damit nicht?
Welchen der drei Schritte überspringen wir regelmässig?
Welche Schlagseite hat unser Team, und welche blinde Stelle folgt daraus?
Woran erkennen wir, dass wir in unserer Falle sitzen?

Weitere Modelle

Vier Modelle beschreiben die Welt und ihre Folgen. VUCA beschreibt die Lage. BANI beschreibt, wie diese Lage auf Systeme und Menschen wirkt. PUMO beschreibt den strategischen Druck, der daraus entsteht. HALO beschreibt, welche menschliche Substanz dabei erodiert.

Zwei Modelle beschreiben, wie man in dieser Welt handelt. OODA ist die Handlungs- und Lernlogik. LEAN ist die Arbeitslogik der Umsetzung.

Die Psychographie liegt darunter. Sie beantwortet die Frage, warum dieselbe Information von zwei Menschen völlig unterschiedlich gedeutet wird.